Nass

„Ist alles okay? Mann, tut mir leid. Tut mir echt leid, Kleine."
Plop. Plop. Plop. Große fragende Augen halten meinen Blick. Himmel, was macht denn das Mädchen in meinem Arm? "Kann ich dir irgendwie helfen?"
Ihre Augen schweifen umher als wäre ihr die Situation unangenehm. "Könnte ich vielleicht..."
"Oh sicher." Schnell richte ich das Mädchen auf und stelle sie auf dem rauen Pflaster ab. Frisches Regenwasser spritzt, ihre Mundwinkel zucken. Ich bleibe trocken, doch die Hose des Mädchens ist völlig durchnässt. Das meiste kommt wohl daher, dass ich ihren Sturz nach unserem Zusammenprall nicht trocken abfangen konnte.
Ihre großen, tiefblauen Augen sehen mich an - starren beinahe. Ich fühle mich ratlos. Ich bin ratlos. Was will dieses Mädchen mit dem Kastanienhaar und den Augen, die aussehen wie der Himmel - als Spiegelung im Meer. Obwohl, nicht wie der regendurchtriefte schleierhaft-graue Himmel heute. Im Moment kann man den Himmel gar nicht sehen, denn die Straßen sind mit unzähligen schwarzen Regenschirmen vollgestopft, die nicht einmal den Blick auf ein kleines Mädchen ermöglichten.
Meine Ratlosigkeit fließt zu einem riesigen Meer zusammen, begleitet vom stetigen plop, plop, plop auf meinem schwarzen Schirm. Die Leute drängeln. Sie wollen vorbei, schnell nachhause, zur Arbeit, einkaufen, ihr Leben leben. Und mittendrin stehen ein junger Mann und ein kleines Mädchen. Sie kennen sich nicht. Der junge Mann hat das Mädchen fast umgerannt, er hat sie aufgefangen, ihr aufgeholfen, man hat sich entschuldigt, nun kann man weitergehen. Doch ein Blick aus tiefblauen Augen hält sie beide fest.
"Soll ich dich irgendwo hinbringen?" - "Können wir uns dort auf die Bank setzen?"
"Sie ist nass."
Schweigen. Die Kleine sieht mich stirnrunzelnd an. "Wie heißt du?"
"David." - "Ich bin Elisabeth. - Warum guckst du so traurig?"
"Gucke ich traurig? Hmm.Nun. Ich glaube wir sollten uns unterstellen, damit deine Hose trocknen kann."
"Mir macht der Regen nichts." - "Du wirst dich erkälten...Elisabeth."
"David? Erzähl mir warum du traurig bist, dann können wir uns unterstellen."
Diese Augen. Tiefblauer Himmel. ,Plop.Plop.Plop', macht der Regen. Ich denke nicht nach, muss ich gar nicht. "Ich gehe nach Indien."
"Was ist daran traurig?"
"Nichts. Es ist wunderbar. Doch mein Leben ist hier."
Elisabeth sieht mich an. Ruhig. "Du musst loslassen."
"Das ist nicht so einfach."
"Soll ich es dir zeigen?" - "Wie meinst du das?"
Sie tippt meinen Schirm an. Regen perlt in einem breiten Rinnsal herunter. "Lass ihn los", meint Elisabeth und lächelt mich an.
"Den Schirm?" Ich weiß nicht - ich weiß gar nichts mehr. Wer ist dieses Mädchen? Was macht sie mit mir?
Sie nickt. Ganz schlicht. Ihr Lächeln ist mild. Ich runzele die Stirn.
"Ich glaube du solltest nachhause gehen, Elisabeth. Du bist ganz nass. Entschuldige noch mal. Es war schön, dich kennenzulernen. Danke, dass du mir helfen willst, aber ich glaube, du solltest dich wirklich erstmal um dich kümmern.
Ihre Augen strahlen, doch nicht mehr für mich. Ich sehe die Spur der Enttäuschung über ihr Gesicht gleiten. Doch sie lächelt und winkt mir im Gehen.
"Du musst loslassen", sagt sie noch, aber es ist als würde sie es nur mit den Lippen formen. Dann verschwindet sie in der Menge. Ich sehe ihr nach, aber sie ist fort.
"Loslassen", murmle ich.
Plop.Plop.Plop. Ich gehe weiter. Hinter mir schwebt ein schwarzer Regenschirm.