Schweigsame Worte

Das Kind lächelte nicht, obwohl die Mundwinkel nach oben verzogen waren wie ein kleiner Mond, doch da waren keine Erzählworte und kein Leuchten in den Augen, und die Stille sprach mit ihrem Schweigen.

"Was ist ein Wortschlucker?", fragte das Kind. Und ich zählte die Sterne am Himmelszelt und wunderte mich, wer sie da oben festhielt, die funkelnden Punkte, wieso sie nicht hinabfielen auf den Boden und dort zersplitterten wie meine Gedanken beim Sprechen.

"Ein Wortschlucker? Weißt Du – das ist etwas Böses und Gemeines. Wenn es Dich einholt, magst du nicht mehr sprechen."

"Und wie sieht so ein Wortschlucker aus?"

"Vielleicht grün und rot und blau mit scharfen Zähnen, damit es die Worte gut auffressen kann. Oder vielleicht ist ein Wortschlucker auch ganz still und klein und himmelstaubenfriedlich."

Ich träumte von Lichtergedankenfängern, so lange und still und verloren, und ohne das Dasein und die Fragen und Hoffnungen des Kindes zu spüren und zu sehen, lebte in meinem Worthaus, das mich hielt und schützte und mir Türen öffnete in andere Welten.

"Ein Wortschlucker hat keine Wortgewalt, stimmt's?"

Das Kind blickte mit mir das Himmelshaus an, wie Sternenzelttaucher standen wir da, schwiegen uns an mit erzählenden Worten.

"Nun ja. Wenn ein Wortschlucker so viele Worte schluckt, dann denke ich schon, dass er Wortgewalt hat. Er hat ja schließlich alle gewaltigen Worte stiller Menschen gestohlen."

"Das ist aber sehr, sehr unhöflich", sagte das Kind. "Kann man die Wortgewalt nicht zurückklauen?"

"Wir können es versuchen", sagte ich.

"Also gut."

Wir hätten unsere Arme ausstrecken können, ganz weit und ganz greifend und tapfer, und wir hätten dem Wortschlucker seine Wortgewalt zurückstehlen können mit unserer Gedankenkraft, aber wir sprachen stumme Töne miteinander und das Kind folgte mir in meine Lichtergedankenfänger, schwebte durch verirrte Sonnenstrahlen und traf den Himmelstaubenfriedrich, der genauso himmelstaubenfriedlich war wie der vermeintlich grüne und rote und blaue Wortschlucker mit den scharfen Zähnen.

Wir hielten uns fest an Versprechen und Tränen, Glück und Zeitworten, bis wir fanden, was wir suchten, Wirrwarrworte und Gewalt, die gewaltig war, aber nicht gewaltsam.

Und das Kind lächelte nicht, aber die Stille lachte, und ich spürte, dass sie genau gewusst hatte, wann es enden würde, das Schweigen mit verschluckten Gedanken und die gewaltsame Gewalt hinter gewaltigen Worten.


In der Kürze liegt die Würze –
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