Der Sturm

Es war ein ruhiger Tag auf See. Kleine Wellen klatschten gegen den Rumpf des Schiffes „die goldene Jungfrau". Es war das erste Mal, dass ich mit einem Schiff fuhr. Mein größter Wunsch war in Erfüllung gegangen. Endlich wurde mir erlaubt, als erste Frau überhaupt, das Deck zu betreten. Seit ich an Bord war, herrschte schlechte Stimmung, da Frauen angeblich nur Unglück brachten und ich musste mir für jede kleine Wolke Beschwerden anhören. Da ich darauf keine Lust hatte, verkroch ich mich in die Gallionsfigur. Ich beobachtete den Himmel und das Meer. Plötzlich wurde der Himmel dunkel. Erst verwandelte er sich in dunkle Blautöne, dann in tintenfischschwarz. Wolken zogen auf. Der Steuermann versuchte beizudrehen. Doch es war zu spät. Schnell wollte ich zum Deck rennen, aber die erste Welle kam und riss mich zurück. Dabei stieß ich gegen die Decke. Schon war ich bis auf die Knochen durchnässt. Ich drehte meinen pochenden Kopf Richtung Wasser. Auf einmal tauchte ein lila Ungetüm aus der schäumenden Gischt auf. Es schwamm auf uns zu. Ich schrie. Der Wind verschluckte meine Worte. Das Ungetüm war ein riesiger Krake. Ich hatte schon genug Geschichten von Kraken versenkten Schiffen gehört, um zu wissen, dass unsere Chancen nicht gerade die Besten waren. Der Sturm tobte. Der Krake tauchte nah an „der goldenen Jungfrau" unter. Der Rumpf zitterte. Kurz stand das Schiff ruhiger und ich nutzte die Gelegenheit und kletterte aus der Figur. Bevor ich zum Unterdeck fliehen konnte, wurde ich von dicken lila Seilen aufgehalten. Doch die Seile entpuppten sich als Fangarme. Der Krake hatte sich um den Rumpf geschlungen und ich bereitete mich auf mein letztes Stündchen vor. Schon wurden wir in die Tiefe gezogen. Ich schluckte Wasser. Hoffentlich hatte es die Crew in die halbwegs sichere Kajüte geschafft. Der Mastkorb wurde neben mir in die Tiefe gerissen. Ich hielt mich an ihm fest. Vielleicht konnte ich etwas abreissen und als Treibholz benutzen. Auf einmal riss der Krake das Schiff nach vorne. Wo wollte er hin? Es ging aufwärts. Wollte der Krake mit uns spielen? Mir war gerade nicht so danach. Langsam entwich die Luft aus meinen Lungen. Wir tauchten auf. Ich holte röchelnd Luft und spuckte den halben Ozean aus. Beinahe wären wir ertrunken. Vielleicht hatte der Krake die Lust verloren und ließ uns in Ruhe. Hoffte ich. Er holte Schwung und stieß das Schiff nach vorne. Ich flog aus dem Korb und landete statt im Wasser im Sand. Ich hob den Kopf. Über mir erhob sich eine Insel. Wir waren gerettet! Ich sah mich um. Neben mir war das Schiff gestrandet. Die Crew kam nach Luft ringend und Wasser spuckend aus der Kajüte. Daneben schwamm der Krake. Ich ließ kurzerhand alle Vorurteile fallen. Er war kein böses Ungetüm das zu gerne Schiffe versenken spielte. Wie zum Abschied, machte er ein seltsames Geräusch, das wie muhen, schnurren und Walgesang gleichzeitig klang. Dann verschwand der Krake im Ozean. Die Müdigkeit und Erschöpfung übermannte mich. Ich ließ mich in den Sand fallen und schloss die Augen. Das letzte, was ich hörte, bevor ich einschlief, war das Kreischen der Möwen.


In der Kürze liegt die Würze –
Literaturwettbewerb für Kinder 

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