Walzer für Niemand

Die Sonnenstrahlen brachen sich am eisüberzogenen Fenster und ließen regenbogenartige Strahlen im Raum tanzen. Im Kamin prasselte ein kleines Feuer, was dem Regenbogentanz eine kleine wärmende Note gab. Ich stützte mich auf das Fensterbrett und versuchte durch das Eisfenster zu sehen. Mein Atem gab die Sicht frei und ich konnte raus schauen. Es schneite. Die Schneeflocken fiel in drehenden Bewegungen Richtung Boden. Es war fast schon ein Walzer den sie betrieben. Doch für wen tanzten sie? Langsam drehte ich mich vom Fenster weg und ging Richtung Tür. Auf dem Flur war es kühl, aber es machte mir nichts aus. Ich blieb vor der Flügeltür stehen und zögerte ob ich klopfen sollte. Ich zählte bis 5 und überlegte an welchem Flügel ich klopfen möchte. Ich entschied mich für den Linken. Zaghaft klopfte ich an. Von drinnen kam ein „Herein". Na immerhin gab es eine Antwort. Langsam drückte ich die Türklinke runter, öffnete die Tür und betrat den Raum. Hier war alles so.....herrschaftlich. An einem Tisch der am Fenster stand, saß eine Frau über ein Buch gebeugt. Ich empfand bei ihrem Anblick Nähe und doch wieder Abstand.
„Mutter, entschuldige das ich dich störe," sagte ich vorsichtig.
„Sag es schnell. Ich hab zu tun".
„Schau raus Mutter. Die Schneeflocken tanzen einen Walzer." Ich hatte mich neben sie gestellt und zeigte auf die Flocken, die sich immer noch im Kreis drehten.
„Ja, und was bringt uns das?" sagte sie schnippisch.
„Vergiss es Mutter! Du verstehst es so wieso nicht" fauchte ich sie an, drehte mich um und ging. Ich war wütend. Wieso verstehen Erwachsene nur so wenig. Anscheinend wollten sie einfach nicht verstehen. Ich ging raus. Draußen blies mir ein kalter Wind entgegen und die Flocken tanzten noch freudiger.
Plötzlich hörte ich den Walzertakt: 1-2-3, 1-2-3......
Es musste von den Eiszapfen kommen. Ich fühlte mich wie auf einem Ball und um mich herum tanzten alle. „Darf ich?" fragte ich mich und griff zu einer unsichtbaren Hand, die mit mir tanzen wollte. Und so tanzte ich mit den Schneeflocken. Es war kein Walzer für Niemand. Es war ein Walzer für uns. Plötzlich spürte ich Jemanden im Rücken. Ich drehte mich um und vor mir stand meine Mutter.
Sie fragte scharf : „Was machst Du hier?" „Ich tanze einen Walzer. Den Walzer für ...." aber meine Mutter unterbrach mich: „Du kommst jetzt sofort rein, sonst verkühlst Du dich" Sie ging voran und dachte ernsthaft, ich käme mit. „Du verstehst nicht. Es macht Spaß", versuchte ich es verzweifelt. Es interessierte sie nicht. Sie drehte sich um, griff mich am Handgelenk und zog mich ins Haus. Ich verstand sie nicht. Konnte sie sich nicht daran erinnern, wie sich Kindheit anfühlt?
Es war ein kurzer Walzer für uns und Niemand sah ihn.


In der Kürze liegt die Würze –
Literaturwettbewerb für Kinder 

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