Die Sage vom goldenen Bernstein

Damals, wo die Elemente die Welt beherrschten, lebte in den Tiefen de Ozeans eine junge, liebreizende Meerjungfrau. Ihr Haar war so gelb wie die Sonne und ihre Augen spiegelten das Gold des kostbarsten Juwels. Die Schuppen ihres Schwanzes trugen einen blutroten Schimmer und ihre Haut glänzte silbrig und weiß im aquamarin blauen Wasser. Ihr Name war Grieba. Erst gestern war Grieba dem Meermann versprochen worden, den sie aus ganzem Herzen liebte. Lange schon hatten sie und Dova, ihr Geliebter, auf diesen Augenblick gewartet. Morgen sollten die Vorbereitungen der Meereshochzeit beginnen, doch zuvor musste Grieba ihre Tante Gisala besuchen. Bei jedem Gedanken an sie spürte Grieba eine schwere Belastung der Angst in ihrer Brust, denn Gisala war weder in ihrem Wesen ein liebliches Geschöpf, noch ähnelte sie einem solchen in ihrem Antlitz. Die Meeresbewohner bezeichneten sie sogar als eine Furia, als eine Verbündete des Meeresteufels Okto. Von den Bitten ihres Vaters gedrängt, Gisala von der Hochzeit zu berichten, schwamm Grieba am nächsten Morgen zu ihrer Tante. Auf dem Weg dorthin überlegte sie lange, wie sie es ihr hätte sagen wollen, doch durch die unheimliche Atmosphäre um sie herum, bedingt durch die Morgendämmerung, wurden ihre Gedanken von panischer Angst überflutet. Schließlich hielt sie in ihren Schwimmbewegungen inne, als sie sich vor einer dunklen Grotte befand, aus der kein Lichtkegel zu leuchten schien. Dies war das Heim Gisalas. Ohne zu wissen, was sie erwartete, schwamm Grieba hinein. Jedoch hätte sie diesen Schritt niemals wagen dürfen, denn was Grieba nicht ahnte, Gisala versuchte sich immer noch wegen dem zu rächen, was Grieba ihr einst angetan hatte, was sie ihr einst genommen hatte: Dova. Mit pochendem Herzen blickte Grieba nun durch das scheinverlassene Dunkel. Plötzlich tauchte vor ihren Augen ein dunkler, silberner Schatten auf, der unter seiner Maske ein grausames Grinsen erblicken ließ. Sein Körper war mit schwarz glänzenden Stacheln besetzt, die in einem grellen Blitzgewitter erstrahlten. Langsam kam Gisala näher und Grieba wich zurück. Blitzschnell ließ das Monster einen seiner Stacheln wie ein Lasso nach vorne schnellen und nur knapp entging Grieba diesem. Von Panik getrieben, schwamm sie so schnell sie konnte aus der Grotte hinaus, Gisala folgte ihr. Nun zeigte sich das schreckliche Bild Gisalas, welches Griebas  Herz, wie so oft, zu Eis erstarren ließ. Schon wollte Gisala einen erneuten Angriff wagen, als sich plötzlich ein dunkler Schatten über Grieba zeigte, sich mitten in die giftigen Stacheln der Bestie warf und seine silberne Speerspitze in ihr Herz stieß. Leblos sanken beide Körper zu Boden. Grieba stürzte sich auf den Mann, der sich zu ihren Füßen erstreckte. Mit letzter Kraft drehte er seinen kopf noch einmal zu ihr und lächelte. Griebas herz setzte einen Schlag aus: Es war Dova.
Schnell stützte sie seinen Kopf in ihren Schoß und betete zum lieben Gott, dass er ihn am Leben halten möge, doch schon breitete sich das Gift Gisalas in Dovas Körper aus und füllte zum letzten Mal seine Lungen mit Luft, bevor er sie in kleinen Wolken wieder ausblies.
„Dova“, flüsterte Grieba ein letztes Mal, bevor sich ihre Augen mit Tränen füllten. Jedoch flossen anstatt kleiner, klarer Wassertröpfchen, goldene aus ihren Augen. Als diese zu Boden fielen, erstarrten sie, wie zu Stein. Nun flossen noch mehr bittere Tränen aus Griebas Augen: Bittere, goldene Tränen der wahren Liebe.
Und so glitzern sie noch heute in den Tiefen des Ozeans, durch die Strömung in alle Welt verstreut: Die Bernsteine.


In der Kürze liegt die Würze –
Literaturwettbewerb für Kinder 

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