Wenn die Sonne untergeht

„Maria?" „Hmm...", mache ich und beobachte die rote Sonne, die wie ein großer, färbender Ball langsam zur Ostsee herunter gleitet und dabei wie selbstverständlich die Luft um sie herum in die verschiedensten Blau-, Rot- und Lilatöne tunkt.

„Was passiert mit der Sonne, wenn sie nicht mehr da ist?" Ich lächle und lege den Arm um meine kleine, sechsjährige Schwester. Mit dem anderen lasse ich verträumt Sand auf einen Haufen rieseln. Natürlich könnte ich ihr jetzt sagen, daß die Sonne schlafen geht oder ihr die physikalische Erklärung bieten, aber damit würde sie sich nicht zufriedengeben.

Also beginne ich zu erzählen: „Weißt du, es gab mal eine Zeit, da konnten die Menschen noch mit der Sonne und dem Mond reden. Sie konnten sie sogar berühren. Aber das machte sie überheblich und stur. Sie fühlten sich besser und stärker als alles, was sie kannten. Und deshalb ist es auch nicht verwunderlich, daß sie irgendwann auf die Idee kamen, die Sonne zu zwingen, auch in der Nacht zu scheinen. Logischerweise war die Sonne nicht sehr angetan von dieser Idee und der Mond war beleidigt, denn die Menschen schätzten ihn noch nie so sehr wie die Sonne und jetzt wollten sie ihn sogar komplett abschaffen. Deshalb streikte die Sonne und machte dem Mond einen Vorschlag: ‚Weißt du was? Du scheinst jetzt immer! Dann habe ich meine Ruhe und du deine Anerkennung.‛ der Mond war einverstanden, also setzten sie ihren Plan in die Tat um. Aber sie hatten die Rechnung ohne die Menschen gemacht. Diese waren stinksauer und banden die Sonne an der Erde fest, so daß sie nicht mehr abhauen konnte. Zwei Tage ging das auch ganz gut. Doch dann wurde die Sonne immer schwächer bis sie irgendwann gar nicht mehr scheinen konnte. Da ging der Mond zu den Menschen: ‚Seht ihr nicht, daß das nicht klappt? Versteht ihr nicht, daß ihr sie damit umbringt?!‛ Erschüttert sahen die Menschen, daß der Mond recht hatte. Sofort ließen sie die Sonne frei und entschuldigten sich aufrichtig bei ihr. Die Sonne verzieh ihnen, aber sie schwor, daß sie die Menschen jeden Abend an diese falsche Tat erinnern würde, damit sie bereuten und nie wieder auf diese Idee kämen. Und das Mia, ist der Sonnenuntergang."

„Also geht die Sonne unter, damit die Menschen nicht vergessen und wenn sie nicht mehr da ist, dann ruht sie sich aus?, faßt Mia meine Geschichte noch einmal zusammen."

Ich nicke und sehe wieder zur Sonne, die jetzt im Wasser untergegangen ist, so daß nur noch der Himmel rot ist.

„Das war aber ganz schön gemein von den Menschen...", setzt Mia noch einmal an. Ich stehe auf und klopfe mir den Sand von der Hose. Mia macht es mir nach. „Aber ich finde es trotzdem sehr schön, wenn die Sonne untergeht", erklärt sie kleinlaut. Ich muß lachen. „Ja, ich auch. Du mußt deshalb doch kein schlechtes Gewissen haben!" Ich nehme mias Hand und stapfe mit ihr durch den Sand zu unseren Eltern, die oben auf dem Deich auf uns warten, um mit uns ins Ferienhaus zurückzufahren.