Flaschenpost

Hatschi! So ein Mistwetter! Schon wieder Nebel! Das ist doch kein Sommer, nur weil der Regen wärmer ist. Ich sollte mal in den Urlaub schwimmen.
Leise schwimme ich durch den Nebel an den Kameras vorbei. Die haben die Menschen extra rund um meinen See aufgestellt,weil sie so wild auf Fotos von mir sind. Zuerst schwimme ich durch ein Meer, das salziger ist als mein schöner, tiefer, dunkler See. Hier sind mir zu viele große Schiffe unterwegs. Da schwimme ich lieber weiter. Als es dunkel wird, komme ich an einen Kanal. Leise schwimme ich weiter.
Oh, was ist das? Eine Flasche! Etwas zu trinken? Nein, leider nur eine Flaschenpost: „Hallo, mein Name ist Jannik aus Altenburg. Ich mache dieses Jahr zu Ostern Urlaub mit meiner Mama auf Hiddensee. Das ist unsere Lieblingsinsel, weil so oft die Sonne scheint. Im Sommer komme ich wieder. Wenn du diese Flaschenpost findest, schreibe mir bitte..."
Oh, Mist! Ich habe Augen zum Lesen, aber mit meinem Flossen schreiben kann ich nicht. Aber dieses Hiddensee scheint sonniger zu sein als mein See. Also schwimme ich weiter in die Richtung, aus der die Flaschenpost gekommen ist. Als es wieder Abend wird, taucht vor mir ein riesiges Seepferd auf. Auch ein Seemonster? Das Wäre toll! Nein, beim Näherschwimmen ist es eine Insel. Auf den Buhnen steht ein Junge in einer schwarzweißen Badehose und wedelt mit einem Kescher herum.
Ich schwimme näher und spreche ihn an: „Wer bist du? Was machst du da?" „Hallo Nessi", sagt der Junge, „ich bin Jannik und ich suche Bernsteine und Fossilien." „Bist du allein", frage ich sicherheitshalber. „Nein, meine Mama sitzt da hinten am Strandaufgang und liest. Sie hat sich gestern in der Koralle mal wieder einen neuen Hiddenseekrimi gekauft. Da bemerkt sie dich nicht." „Woher weißt du, wer ich bin?" „Ich interessiere mich für Monster und habe schon viele Monstergeschichten gelesen. Außerdem stand in der Zeitung, dass du vielleicht in der Ostsee rumschwimmst. Du musst aufpassen. Im Bodden schwimmen schon Monsterjägerschiffe. Die wollen dich fangen und ausstopfen!" „Was ist ausstopfen?", wundere ich mich. „Das macht man mit toten Tieren, damit sie sich länger halten, wenn man sie ins Museum schafft." Der Junge warnt mich: „Hier gibt es richtige Monsterjäger. Zu Ostern haben sogar ein paar Verrückte ein Styropurei vom Strand weg geklaut, weil sie es im Dunkeln für ein Monsterei gehalten haben. Dabei sah es total unnatürlich und kitschig aus." Ich bekomme einen totalen Schreck. Meine Flossen sind wie gelähmt. Endlich Sonnenschein, und nun das. So hatte ich mir meinen Urlaub nicht vorgestellt. Muss ich wieder zurück in den kalten Regen? „Kann man denn da gar nichts machen?", frage ich traurig. „Lass die Flossen nicht hängen", sagt der Junge, „hier gibt es doch Nationalparks. Da dürfen keine Menschen und keine Schiffe hin. Dort kannst du dich auf eine Sandbank legen und die Sonne genießen.Und wenn der Sommer vorbei ist, schwimmst du wieder heim." „Wann ist denn der Sommer vorbei?", frage ich. Zu Hause wird dann der Regen kälter. "Wenn die Kraniche hier vorbeifliegen und wenn ich Herbstferien habe", antwortet der Junge, „ich kann dir ja eine Flaschenpost schreiben." „Eine Flaschenpost?" „Ja, zu Ostern habe ich auch eine geschrieben, nur leider hat die noch niemand gefunden." Na, so ein Zufall! Das ist der Jannik mit der Flaschenpost.
Jetzt sind wir Flaschenpostbrieffreunde, auch wenn ich nicht antworten kann. Ihr wisst ja, die Flossen!