Ich bin hier unerwünscht


Still war es im Hafen von Vitte. Die Fischerboote schaukelten leicht im Hafenbecken. Sonst war kein Laut zu hören. Ich holte den Schraubenzieher aus meiner Tasche. Die erste Schraube ließ sich leicht drehen. Vermutlich stand das Schild noch nicht lange hier. "Hey" zischte Michel, "da kommt jemand. Beeile dich".
Mein Herz begann zu rasen. "Wer kommt denn so früh in den Hafen?", schimpfte ich leise. "Wenn der uns nun jetzt verpfeift?"

Als ich vor drei Tagen auf der Insel ankam, fiel mir das Schild sofort ins Auge. "Juden unerwünscht!" stand darauf mit großen schwarzen Buchstaben. "Was soll das denn?", fragte ich mich. Seit genau fünf Jahren schickte mich meine Mutter in den großen Schulferien zu meinem Vater und dessen neuer Familie nach Vitte und wusste mich in dem kleinen, gemütlichen Häuschen am Süderende gut aufgehoben.

Dieses Schild verdarb mir sofort die Laune und sorgte für den ersten Streit zwischen meinem Freund Michel aus Vitte und mir. "Es ist doch nur ein blödes Schild", versuchte mich mein Freund zu beruhigen. "Was?! Nur ein Schild?", regte ich mich auf. "Meine Mutter und ich können nie wieder herkommen!"
Noch beim Abendessen war ich so wütend, dass ich keinen Bissen herunterbekam. Ich lief an den Strand und sah, wie die Sonne langsam im Meer verschwand. Ich wollte gerade nach Hause gehen, als ich sie entdeckte: eine Frau mit einer Pfauenfeder im dunklen Haar, die in einem luftigen olivgrünen Kleid im Sand tanzte. Plötzlich sprang sie in die Höhe und lachte mir zu. Meinte Sie etwa mich?
Tatsächlich kam Sie auf mich zu. "Mir ist nicht nach tanzen.", sagte ich. "Tanz doch einfach, wie du dich fühlst!" Sie nahm meine Hand und tanzte mit mir. Erst fühlte ich mich steif und unwohl, doch je länger wir uns drehten, um so leichter und freier bewegte ich mich. Schließlich verabschiedete sie mich mit den Worten:"Tanzen ist Leben. Lebe so, wie du bist."

Als ich nach Hause kam, klebte ein Zettel an der Haustür:
"Liebe Anna, tut mir leid. Ich habe auch schon einen Plan. Michel"

Jetzt war es nur noch eine Schraube, die ich von diesem hässlichen Blechschild lösen musste. "Hey, die Gestalt kommt direkt auf uns zu!" Ich hielt den Atem an. Die Schraube klemmte fest. "Michel, komm hilf mir!" Gemeinsam zogen wir mit aller Kraft das Schild vom Pfahl und rannten schnell davon. Als ich zurückblickte, sah ich die Frau mit der langen Feder im Haar. Sie winkte mir zu. Ich lächelte und winkte kurz zurück. Mit Michel versenkte ich das Schild im Meer.